Schwerin delüx: Die Exotik der Provinz
Aus Schweizer Sicht ist Schwerin durchaus ein exotischer Ort: Weit genug weg vom eidgenössischen Zuhause, aber nahe genug am Meer; eine mit Kultur, Wasser und Märchenschloss reich gesegnete, aber keineswegs elitäre Stadt; übersichtlich und zugleich metropolennah; ausgestattet mit einem praxisorientierten Studienfach, preiswertem Wohnraum und hohem Lebenskomfort.

Genau der richtige Ort zum Studieren für Bernadette Roth. Die 26-Jährige Schweizerin hat sich im Winter-Semester für den Studiengang Hotel Tourismus Management am Baltic College in Schwerin eingeschrieben. Und das, obwohl sie aus der Universitätsstadt Basel kommt, wo sie bereits Germanistik und Gesellschaftswissenschaften studiert hat. „Ich bin ein Mensch mit großem Fernweh, habe ein praktisches Studienfach gesucht und wollte mich neu orientieren. Schwerin, Mecklenburg-Vorpommern, den Osten Deutschlands kannte ich vorher überhaupt nicht. Für mich war das exotisch und ich habe gemerkt, dass man sich hier wohl fühlen kann. Vor allem hat mich die Studienrichtung gereizt. Schön ist aber auch, dass es hier so familiär zugeht.“
Auch Johann Schremmer stammt aus einer Universitätsstadt und studiert am Schweriner Baltic College Hotel Tourismus Management, kurz HTM. Der Rostocker hat sich ebenfalls für ein duales Studium entschieden. Das heißt: Er wird nach dreieinhalb Jahren mit seinem Bachelor auch einen IHK-Berufsabschluss in der Tasche haben. „Ausbildungsprofile mit diesem ausgeprägten Praxisbezug stehen bei Unternehmen hoch im Kurs, weil wir als Absolventen unsere fachlichen Kompetenzen zwischendurch immer wieder in der Praxis beweisen müssen“, sagt Johann Schremmer.
Den Praxisteil absolviert der 23- Jährige im Steigenberger-„Hotel Sonne“ seiner Heimatstadt Rostock, schwört aber zugleich auf die Qualitäten seines Studienortes: „Ich bin auf Empfehlung eines Freundes nach Schwerin gekommen. Wichtig war mir ein praxisnahes Studienangebot und ein enger Kontakt zwischen Studenten und Lehrkräften, wie es ihn an dieser privaten Hochschule gibt.“ Außerdem hätten ihn auch die Sport- und Freizeitmöglichkeiten gelockt, über die das College seine Studenten per Newsletter auf dem Laufenden hält: Montags Volleyball, mittwochs Fußball, demnächst werde es noch ein Angebot für Segelenthusiasten geben, zählt der passionierte Wassersportler auf, der mit seinem Wakeboard bereits die Seen der Umgebung unsicher gemacht hat.
Bernadette Roth und Johann Schremmer sind als Studenten in der Landeshauptstadt selbst fast so etwas wie Exoten. Rund 700 Studierende zählt die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns gegenwärtig – das sind nur 0,72 Prozent der Einwohnerschaft. Die Studienangebote in der Landeshauptstadt sind in der Regel privatwirtschaftlich organisiert. Mit Ausnahme der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, wo Studierende einen Bachelor-Abschluss im Arbeitsmarktmanagement erwerben können.
Das Baltic College mit derzeit 250 Studierenden wird sein Angebot erweitern, nachdem es seinen Hauptsitz in die Landeshauptstadt verlegt hat: Bachelor-Studiengänge sind im Unternehmensmanagement und Management im Gesundheitstourismus sowie im Hotel- und Tourismusmanagement im Angebot, Master-Studiengänge im Kulturtourismus- Management bzw. Tourismus- Marketing. An der Hamburger Fern-Hochschule wird der Bachelor im Pflege- bzw. im Gesundheits- und Sozialmanagement angeboten. Die Gesundheitswirtschaft hat auch die SWS Seminargesellschaft für Wirtschaft und Soziales im Blick, wo es Bachelor-Studiengänge für Logopäden und Physiotherapeuten gibt.
Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt in der Bundesrepublik, die keine staatliche Universität oder Hochschule hat. Gemeinsam mit dem Förderverein privater Hochschulen bemüht sich die Stadt dennoch, Schwerin als Hochschulstandort weiter ins Gespräch zu bringen und bei Interessenten bekannt zu machen. „Die Landeshauptstadt hat großes Interesse daran, dass die Hochschuleinrichtungen ihre Aktivitäten erweitern und unterstützt sie u. a.mit dem städtischen Angebot an Immobilien und schnellen Verwaltungsentscheidungen beim Ausbau ihrer Standorte“, sagt Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow. So wird am Ziegelsee derzeit ein Campus für die SWS-Seminargesellschaft realisiert.
Auf dem Areal des Alten Fridericianums am Pfaffenteich entsteht ein neuer Campus für das weiter expandierende Baltic College.„ Mit unserem Master-Angebot hoffen wir auch im Interesse Schwerins, einen Teil der jungen Studierenden länger in der Stadt zu halten, nachdem sie bei uns ihren Bachelor-Abschluss gemacht haben“, beschreibt Schulträger Dr. Sven Olsen die Strategie der privaten Hochschule. Er sieht den im Herzen der Altstadt entstehenden Campus zugleich als einen „Ort der wissenschaftlichen Begegnung“, an dem Menschen miteinander reden und voneinander lernen könnten.
Bernadette Roth freut sich unterdessen auf ihren ersten Sommer in Schwerin. Demnächst wird sie Besuch von ihrer „kleinen“ Schwester aus der Schweiz bekommen. Auch ihre Eltern seien schon neugierig auf die kleinste Landeshauptstadt der Bundesrepublik. „Sie haben mir erzählt, dass sie neulich auf der Tourismusmesse in Basel sogar einen Stand mit Schwerin- Werbung entdeckt haben.“ Und wie geht es nach dem Studium weiter? „Auf keinen Fall zurück in die Schweiz“, sagt Bernadette. „Erst mal hinaus in die weite Welt“, meint Johann. „Genau deshalb habe ich ja dieses Studienfach gewählt. Tourismus ist schließlich ein globales Geschäft. Da kann man mit unserer Ausbildung überall auf der Welt Fuß fassen.“
Wer weiß, wohin das Fernweh die beiden noch treibt? Exotik, so haben wir gelernt, ist schließlich vor allem eine Frage des Blickwinkels.
Michaela Christen

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